Twitter Shit Storm – die Filter bubble live im Hessischen Landtag

Twitter Shit Storm – die Filter bubble live im Hessischen Landtag

Der Hessische Landtag hat kürzlich entschieden, dass man jetzt auch von der besuchertribüne twittern darf. Der anlass waren einige Piraten, denen genau das in der letzten plenarwoche im April noch versagt wurde.

Am 8.5. kam es dann zur premiere und mehrere Piraten waren wieder am start. Der sitzungsauftakt war eine unglaublich spannende geheime wahl. Spannend deshalb weil man von der besuchertribüne beobachten kann wie nacheinander die namen aller abgeordneten vorgelesen werden. Diese wählen dann – geheim. Das ganze war so aufregend, dass @supaheld sich dazu hinreißen ließ von der besuchertribüne zu twittern: „Wahlen sind langweilig. Ich geh lieber kacken.“
Den folgenden shitstorm hatte er dann wohl unterschätz, denn mittlerweile lesen auch einige landtagsabgeordnete auf twitter mit. Vornweg der als „twitter-rebell“ (link) in Hessen bekannt gewordene Daniel Mack, der mittlerweile als grüner abgeordneter mittwittern darf. Mack schrieb:  „Wer Wahlen ‚langweilig‘ findet, hat eine extrem problematische Einstellung zu politischen Entscheidungen.“ (link)
Der skandal und die offensichtlich demokratiefeindliche haltung der piratischen extremisten (oderso) fand dann auch den weg in die veröffentlichkeit. Ansonste landtagsbeobachter blieben ansonsten in der plenarwoche weitgehend unbeachtet von der presse. Selbst Daniel Mack schrieb, dass die tweets der piraten mittlerweile wohl langweilig sei (link).

Auch andere twittern über unappetitliches

Weitgehend unbeachtet blieb auch ein CDU abgeordneter des Hessischen Landtags – Imsail Tipi.
Tipi gilt eigentlich als einer der umgänglicheren abgeordneten der gelegentlich als „Stahlhelmfraktion“ benannten hessischen CDU Fraktion. Aber auch Tipi twittert. Und was diese woche durch meine timeline tröpfelte und den namen Tipi trägt war bemerkenswert. Deutlich bemerkenswerter als die fäkalsprache eines piraten dessen öffentlichkeit bisher wohl nur die eigene peer group war.

Tipi nahm die aktuelle debatte zu gewalt von salafisten um sich zu wort zu melden. Da schrieb er, dass salafisten die demokratie in deutschland bedrohten (link), dass weibliche hassprediger eine gefahr seien (link) und dergleichen mehr. Höhepunkt war aber der tweet „Eltern müssen aufmerksam sein. Immer wieder aufklären. Und salafistisches Gedankengut den Behörden melden…“ (link) Was Tipi mit den drei punkten gemeint haben könnte wurde deutlich, als er von salafisten als „faule Äpfel“ schrieb (link).

Es mag ja sein, lieber Herr Tipi, dass salafisten in deutschland krude ideen verbreiten. Ideen die in politik umgesetz, mit dem grundgesetz nicht vereinbar sind. Und auch mag es wohl richtig sein, dass einige salafisten mittlerweile auch vor gewalt gegen menschen nicht zurück schrecken. Aber: erst wenn es um straftaten oder deren vorbereitung geht ist das ein fall für den staatsschutz. „Gedankengut den Behörden zu melden“ geht gar nicht. Und menschen, mögen sie noch so kruden unsinn denken oder verbreiten, als „faule Äpfel“ zu bezeichnen hat einen ganz eigenartigen beigeschmack. Statt salafisten als die ausgeburt der hölle zu dramatisieren, sollte man die debatte vielleich einmal versachlichen. Den hardlinern und grundrechtbeschränkern in der CDU fällt das nicht nur schwer, es scheint ihnen unmöglich. Aber Herr Tipi, so bitte nicht.

140 Zeichen reichen vielleicht für unsinn – das haben @supaheld und Tipi wohl bewiesen. Öffentlich an den pranger gestellt wurde aber nur einer. Man kann von der forderung nach einer gedankenpolizei und menschenverachtender sprache halten was will. Aber die maßstäbe der aufmerksamkeitsdarwinistischen filter buble sind schon schräg. Die filterbubble in der die journalist_innen stecken scheint klein genug zu sein – oder sind es „Relevanzkriterien“ die hier den ausschlag geben, wenn über dämliche tweets von piraten breit berichtet wird, von verbalattacken auf grundrechte durch CDU abgeordnete aber nicht. Es ist ja auch viel spannender aufzugreifen was die pr-profis auf den abgeordnetenbänken sowieso schon unter sich besprechen und retweeten. Zumal wenn man dann gleich mal anfangen kann die piraten zu demontieren.

Mal sehen wie die 140 zeichen quelle twitter sich noch so entwickelt in der hessischen landespolitik – das ganze nimmt jedenfalls fahrt auf. Bisher zeigt sich aber, dass die aufmerksamkeit sich in der öffentlichen berichterstattung über twitter genauso verhält wie in offline medien. Anders ist es nicht zu erklären wenn deratiger unsinn von Herrn Tipi unter geht… vielleicht liest einfach keiner seine tweets… naja, fast

Kommentar verfassen